Sonderblog: Grizzlyalarm im Toba Tal

WIAdmin, 2. November 2016

Sonderblog zum 14.09.16

Ich sehe Thomas zum Wasser gehen, seine Hände waschen. Es stinkt überall nach totem und verwesenden Fisch. Die sonst so schönen und riesigen Tiere liegen, nachdem sie gelaicht haben, tot überall rum. Nicht nur auf der Sandbank, sondern auch im Wald. Denn das ist es, was den Wald auch so artenreich und vielfältig macht: viele Nährstoffe aus dem Körper des Lachses gelangen beim Verwesen in den Waldboden, nachdem die Bären die Lachse in den Wald geschleppt haben, um sie dort zu verspeisen. Diese Nährstoffe sind extrem wichtig für den Wald und gut für die Bäume. Ohne die Lachse könnte der Wald dort nicht in seiner Größe und in seinem Artenreichtum wachsen.

Endlich sind wir hier, wieder im Land der Grizzlies. Heute kurz nach dem Anlanden mit dem Boot und dem Campaufbau haben wir sie schon gesehen: eine Grizzlymutter mit ihren beiden Kindern. Doch als sie uns gesehen hat, ist sie vorsichtig wieder gegangen. Nun sind wir still und hoffen, dass sie bald wiederkommen. Und tatsächlich: Thomas winkt uns leise zu sich und zeigt auf die Flussbiegung. Langsam trottend kommt die Grizzlymutter, dicht gefolgt von ihren Kindern, wieder auf die gegenüberliegende kleine Sandbank am Little Toba und schnuppert vorsichtig. Sie erkennt uns, scheint sich aber diesmal nicht stören zu lassen. Thomas und Ronny haben die Kameras in der Hand, Kai die Videokamera. Wir gehen alle auf die Knie und schleichen uns vorsichtig näher ran. Hinter Ästen versteckt machen wir die ersten Fotos von der Bärenfamilie. Ich spüre wie mein Herz extrem schnell schlägt. Schritt für Schritt robben wir näher an die Bären ran. 50m…40m..30m…25m…näher wollen wir auch nicht rangehen. Wir stehen so nah vor der Bärenfamilie, wie ich es mir nie erträumt hätte.

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Und nun passiert auch das, weswegen wir hier sind: Die Bärenmutter beobachtet lange den Fluss, bückt sich und springt mit einem gewaltigen Satz in unsere Richtung ins Wasser. Mir stockt der Atem. Für einen kurzen Moment denke ich, dass sie auf uns zu rennt, aber sie bleibt im Wasser stehen. In ihren Tatzen hält sie keinen Lachs. Sie stellt sich auf ihre Hinterpfoten und beobachtet das Wasser. Stehend ist sie ca. 2,50 m groß – ein gewaltiges Tier. Ihre kleinen Kinder spielen derweil mit einem verendeten Lachs herum und kauen die letzten Reste des Lachses von den Gräten herunter.

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Doch das Ganze kennt noch eine Steigerung: Im Hintergrund sehe ich einen ca. zwei Jahre alten Grizzlybären aus dem Gebüsch kommen und sich der Sandbank nähern. Er will dort auch Lachse fangen, jedoch hat er nicht mit der Grizzlymutter gerechnet. Sie rennt sofort auf ihn zu und unter Gebrüll verjagt sie ihn. Ist dies wirklich noch real oder nur eine Vorstellung? Es wirkt wie in einer BBC oder National Geographic Dokumentation, wo die Filmer teilweise Wochen auf so eine Situation warten, und wir kommen hier hin, und innerhalb von fünf Stunden erleben wir alles, was ich mir jemals in meinem Leben erträumt habe, wenn ich mal Bären sehe.

Mittlerweile hat die Grizzlymutter einen Lachs gefangen, der noch kurz in ihrem Maul zappelt, bis sie ihn letztendlich tot beißt. Sie nimmt den Lachs und schleppt ihn auf einen Holzstamm, die kleinen Bärenkinder laufen hinterher und zu dritt wird der Lachs verspeist. Immer wieder schnuppert die Bärenmutter und hält nach uns Ausschau, doch sie hat uns akzeptiert, das spüren wir. Sie nimmt uns auf in ihr Gebiet und duldet uns. Uns, als Menschen, die nicht dorthin gehören. Uns, als Menschen, die die Natur Tag für Tag zerstören, nur damit wir noch mehr Autos, Schiffe, Häuser haben können, die schneller, größer und besser sind. Doch diese Bären kennen keine Menschen, denn das Toba Valley und die Schutzgebiete von Wilderness International sind unberührt. Sie haben gemerkt, dass wir als Menschen dort für sie keine Gefahr darstellen und lassen uns deswegen in unserem Raum Platz.

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Nach ca. 45 Minuten ist es so schnell vorbei wie es gekommen ist: Die Bären ziehen sich zurück in das dichte Unterholz des Landes der Grizzlies. Das Land macht seinem Namen alle Ehre. Wir sind fasziniert, zutiefst berührt und melancholisch zu gleich.

Wie wahnsinnig schön ist die Natur mit seinen Bewohnern hier, wie emotional kann es sein, von den Tieren als friedliches Lebewesen angenommen zu werden und wie traurig ist es, dass wir noch lange nicht alles schützen konnten. Doch ich bin extrem bestätigt in meiner Arbeit mit Wilderness International, denn die Gebiete, die wir schon schützen konnten, bleiben für alle Zeit für diese und in dieser wunderbaren und einzigartigen Natur bestehen.

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