Das Great Barrier Reef und die geheimnisvollen Minkwale

Wildblog Team, 21. Juli 2015

Langsam verrunzeln die Hände, und die Kamera kann vor zittern auch nicht mehr ruhig gehalten werden. Wir frieren! Und das Tageslicht schafft es nicht mehr so wirklich unter die Wasseroberfläche. Nicht dass hier am Great Barrier Reef das Wasser wirklich kalt wäre, wir sind nun jedoch schon 6 Stunden am Stück mit einer Gruppe von 5 Dwarf Minky Whales im Wasser!

 

Ein beeindruckendes Erlebnis mit diesen schönen und äußerst interaktiven Tieren, so lange im Wasser zu sein. Immer wieder erwärmte uns dieser spezielle Augenblick, wo sich der Blick des Wales mit dem unseren traf und man fast meint er würde uns zuzwinkern. In diesen Momenten ist es offensichtlich, dass das Tauchen mit Walen  eine Interaktion zwischen Mensch und Tier ist. Und es sind Momente die einem ein Leben lang in lebhafter Erinnerung bleiben.

 

Dabei wissen wir nicht einmal so wirklich genau, mit wem wir es hier zu tun haben. Streng  genommen ist der „Dwarf Minke Whale“ nämlich ein Wal ohne Namen. Ein Wal der formell noch nicht beschrieben ist und noch keinen eigenen wissenschaftlichen Namen hat!

 

Die aktuelle Vermutung der Wissenschaftler ist, dass man den Dwarf Minke Whale als eine Unterart des nördlichen Zwergwals (Minkwals) sehen sollte. Das ist in sofern erstaunlich, da sich der nördliche Minkwal auch nur in der nördlichen Hemisphäre aufhält. Die zweite existierende Minkwal-Art ist der südliche Minkwal, der  wiederum nur auf der Südhalbkugel existiert.

 

Auch sonst ist diese, zu der Familie der Bartenwale gehörende Art ein Mysterium und weitestgehend unerforscht. Sicher ist, dass diese  ca. 8 Meter lang werdenden Wale, jeden australischen Winter in das nördliche Great Barrier Reef kommen.

 

„Erst vor 2 Jahren hat man die ungefähre Migrationsroute, der aus subantarktischen Gewässern kommenden Tiere  herausgefunden. Erst 14 Minkwale konnten bislang in der gesamten Forschungshistorie  mit  Sendern versehen werden. Diese halten dann 2 Wochen bis maximal 3 Monate“ erzählt mir Tara Stephens von der James Cook Universität in North Queensland.

 

Also kein Wunder, dass man nichts über eine Gesamtpopulation weiss und die meisten Verhaltensweisen noch unerforscht sind. Die Wale, mit dem komplexesten Farbmuster unter den Bartenwalen, stellen sowohl Wissenschaftler als auch die (Tauch)Tourismusindustrie vor große Herausforderungen in Bezug auf ein nachhaltiges Management welches auch Chancen für den Naturschutz bietet.

 

Wir lernten die Minkys als  ausserordentlich interaktive und sehr neugierige Wale kennen. In drei Tagen schenkten sie uns für insgesamt  11 Stunden ihre Aufmerksamkeit im Wasser. Unsere Ausdauer wurde mit einigen nahen(weniger als 3 Meter Entfernung) und sehr nahen Begegnungen(weniger als 1 Meter) belohnt.

 

Kerstin stellte ihre Fähigkeiten als Wal-Fotografin unter Beweis und schoss so nebenbei das schönste Bild eines Minkwals, das ich kenne. Neben den fotografischen Kenntnissen zählen Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Tiere zu den wichtigsten Faktoren für ein gutes Bild. Vielleicht muss man sogar in der Lage sein mit dem Herz zu sehen.

 

Das Great Barrier Reef ist das bislang einzig bekannte Gebiet der Erde wo eine Ansammlung dieser Wale beobachtet werden kann. Vermutlich finden sich die Wale hier zur Paarung ein.

 

Das Great Barrier Reef einige Wissenschaftler bezeichnen das Weltnaturerbe als den größten Organismus unseres Planeten. Das größte Korallenriff der Erde ist die Heimat von 7000 Wirbellosen Tierarten, 1500 Fischarten und 450 verschiedenen Korallenarten. Mit dem Besuch des Great Barrier Reefs  ging ein Kindheitsraum in Erfüllung.

 

Dem Riff geht es allerdings nicht gut. Ganz aktuell tagte die UNESCO über Schutzmassnahmen für diesen Lebensraum. Vorrangig geht es um das Verklappen von Schlamm im Riff, der beim Aushub von Hafenbecken und Fahrrinnen für Schiffe entsteht. Von der australischen Regierung wird bis Dezember 2016 ein Fortschrittsbericht  über die angekündigten Schutzmassnahmen verlangt.

 

Gefahr droht aber auch von anderen Seiten. Die nicht mehr aufzuhaltende, durch CO2 bedingte Versauerung der Meere, wird eines der größten Probleme für die kalkbildenden Korallen und Wirbellosen Tiere werden. Die Grundlage des Lebens im Riff. Korallenriffe sind als Heimat unzähliger Meereslebewesen von großer Bedeutung für das gesamte Ökosystem Ozean – und somit auch für unsere Erde.

 

Doch genauso ist auch das, was irgendwo auf diesem Planeten geschieht von Bedeutung für dieses Riff.

Ein gesunder Regenwald und eine Seegraswiese in British Columbia binden CO2 – und wirken somit direkt der Übersäuerung der Meere entgegen. Es liegt also nicht nur an Australien ob dieses Riff weiter bestehen wird oder nicht. Laut WWF gingen in den letzten 30 Jahren die Hälfte aller Korallen verloren.

 

Mehr als 40 Jahre begleitete das Riff mein Leben. Ich habe über das Riff gelesen und geträumt.  Nach dieser langen Zeit  konnte ich nun endlich zum ersten mal dort abtauchen. Und nun könnte das Riff  in weniger als der Hälfte dieser Zeit schon Vergangenheit  sein. Ein erschreckender Gedanke.

Viele Geheiminisse würden verschwinden bevor wir sie entdeckt hätten und auch das Rätsel um die Minky Whales würde vermutlich nie gelöst werden.

 

Meine Kindheitsträume vom Great Barrier Reef handelten von Abenteuern und Entdeckungen. Von Begegnungen mit Haien, Walen, Schildkröten  und einer atemberaubenden Unterwasserwelt, wo in klarem Wasser das Leben nur so pulsierte. Den Wert dieser Träume kann man nur schwer messen, doch vermutlich ist er höher als man auf Anhieb denkt. Mein Wunsch ist, dass noch möglichst viele Kinder auf dieser Welt solche Träume, am Puls der Natur, träumen können.

 

Vielleicht wird der ein oder andere Träumer dann später mal einem Minkywal am Great Barrier Reef zuzwinkern können.

 

Reinhard Mink

Photos & Copyright: Reinhard Mink und Kerstin Meyer


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