Back to civilisation

Wildblog Team, 27. Juli 2014

Pia

 

Der Weckruf ertönt um 5 Uhr morgens. Ich überwinde mich dazu, meine Augen zu öffnen und stelle fest, dass sich abgesehen von Pascale niemand regt, weshalb ich mich wieder in meinen Schlafsack einkuschele. Bilder des gestrigen Sternenhimmels kreisen durch meinen Kopf, ich denke daran, dass ich heute Abschied vom Toba-Tal nehmen muss und verfalle in eine melancholische Stimmung: Die beiden klaren Flüsse, der mystische Wald, unsere Sandbänke und „Rettungsinseln“ sind mir in den vergangenen Wochen ein zweites Zuhause geworden.

Ich liebe die Ruhe der Natur, die Zeitlosigkeit und ganz besonders die Vielfalt. In den vergangenen Wochen habe ich so viel gesehen und gelernt, dass ich es mir teilweise gar nicht alles merken kann und doch gibt es noch so viele Sachen, die ich machen möchte, bevor ich diesem Ort „Auf Wiedersehen“ sage! Heute, so hoffe ich, werde ich zumindest noch den Punkt „früh morgens die Natur beobachten und genießen“ abhaken können, denn ich darf den Toba mit Schlauchbooten die ca. 20 km bis zum Meer hinunterpaddeln.

Unsere Tour beginnt gleich nach einem frühen und schnellen Frühstück – ein letztes Mal schauen wir auf die Sandbank und Cape Hope zurück, bevor wir zu acht in den dunklen Wald abtauchen. Der Rest unserer Gruppe wird das Lager fertig abbauen und zusammenräumen, unsere Spuren so gut es geht beseitigen und dann das Toba-Tal mit dem Helikopter verlassen. Sie werden uns später am Inlet, der Flussmündung bzw. in Campbell River erwarten.

Es ist die Aktivzeit von Großsäugetieren wie dem Grizzly, weshalb wir uns durch Singen und Rufen im Wald bemerkbar machen („Hey Bear!“). Wir passieren den riesigen Baum mit der Wolfshöhle und einen Ahorn mit Lackritzfarnbewuchs, dann lichtet sich der Wald und gibt einen atemberaubenden Blick auf unsere erste Sandbank mit „Rescue Island“ frei: Die ersten Sonnenstrahlen des Tages treffen vom wolkenlosen Himmel auf den von Nebelschleiern umhangenen Fluss und verleihen ihm ein magisches Aussehen. Mit diesem Bild wird mir Rescue Island in Erinnerung bleiben, denke ich, als ich vom Schlauchboot aus ein letztes Mal zurückschaue, bevor wir um die Flusskurve paddeln.

Es ist ruhig, nur das Rauschen des Flusses und ein paar Vögel sind zu hören. Wir lassen uns treiben und atmen die Stille der Umgebung ein, sehen, wie sich der Nebel über dem Wasser langsam auflöst, beobachten zwei Weißkopfseeadler, einen jungen und einen alten, die nebeneinander herfliegen. Entlang des Flussufers stehen Urwaldriesen, die stark von Bartflechten behangen sind, Wasserfälle stürzen von schneebedeckten Bergen mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit in die Tiefe.

Es wirkt alles so harmonisch und friedvoll auf mich.

Dann jedoch, als sich der Nebel über dem Wasser bereits aufgelöst hat und wir uns dem Inlet schon bedeutend genähert haben, vernehmen wir den Lärm einer Forst­straße, die sich recht nah am Flussufer befindet. Durch die Bäume kann man einen riesigen Truck und eine Stromleitung erspähen, später sieht man Kahlschlags­flächen auf der rechten Seite.

Welcome back to civilisation!

An dieser Stelle finde ich es traurig, dass der Fluss immer nur in eine Richtung fließt und uns nicht umkehren lässt, zurück zu den geschützten Flächen Wildnis, an denen wir noch vor wenigen Stunden vorbeigetrieben sind.

Als Bob, der Hubschrauberpilot, schließlich über unsere Köpfe hinweg fliegt und uns zuwinkt, beginnen wir zu paddeln, um das Inlet noch rechtzeitig zu erreichen (was zumindest beinahe gelingt – wir werden schon erwartet). Von der Flussmündung aus fahren wir mit dem Wassertaxi zurück nach Campbell River, um von dort aus mit einem Bustransfer zur Fähre nach Nanaimo zu gelangen und mit dieser dann nach Vancouver überzusetzen – ich glaube, es gibt kaum ein Verkehrsmittel, welches wir heute nicht benutzen…

Die Bootsfahrt nach Campbell River ist toll: wir fahren sehr nah an einem riesigen Wasserfall vorbei und beobachten viele Seehunde, die sich auf einem Felsen im Meer sonnen und uns ein wenig verschlafen ansehen. Auch ich bin müde, weshalb ich auf dem Boot und auch später noch im Bus nach Nanaimo versuche, etwas Schlaf nachzuholen und Kräfte für den Transport unserer (gefühlt) tausend Taschen zu schöpfen.

Tatsächlich schaffen wir es, alles Gepäck mit einem Mal auf die Fähre und wieder herunter zu tragen, wobei wir von allen Seiten fragend und belustigt angesehen werden, auch von Charlotte, die uns im Hafen von Vancouver abholt, um uns den Weg zur Jugendherberge zu zeigen. Es ist toll, sie wiederzutreffen!

Wir stehen an der Bushaltestelle und erzählen von den Ereignissen der letzten Tage, alle voran natürlich der Flut. Als unser Bus schließlich abfährt, ist er zur Hälfte mit uns und unserem Gepäck gefüllt. Der Rest des Platzes ist gerammelt voll mit Mitfahrenden. Es fühlt sich für mich ungewohnt an, wieder von so vielen fremden Menschen umgeben zu sein, auch wenn wir sehr nette Personen treffen: einen Holländer („Let’s do not talk about football!“), einen Musiker und eine deutsche Frau, die sich vor wenigen Monaten auf eine Weltreise begeben hat. Mich fasziniert, wie viele Menschen man auf einer einstündigen Busfahrt kennenlernen kann.

Eine sehr spaßige Angelegenheit wird das Aussteigen: es gilt, alle Taschen in einer möglichst kleinen Zeitspanne aus dem Bus zu laden, ohne dabei an Mitfahrende zu stoßen. Wir bilden eine Reihe nach draußen und schmeißen Gepäckstück für Gepäckstück auf den Bürgersteig, wobei wir von mehreren Passanten interessiert beobachtet werden (zwei Personen filmen uns sogar amüsiert).

Als wir schließlich in der Jugendherberge ankommen, sind wir alle furchtbar erschöpft und hungrig. Charlotte hat die geniale Idee, Pizza zu bestellen und sich damit an den Strand zu setzten, von welchem aus man die Skyline Vancouvers in voller Breite sehen kann. Es ist schön hier, unter den Bäumen und dem Nachthimmel, auch wenn die Riesenlebensbäume nur klein sind und die Sterne nur schwach leuchten – verglichen mit dem Toba-Tal, welches ich schon jetzt vermisse (wenn ich mich auch auf ein weiches Bett und eine warme Dusche freue).

 

 

 


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